Kommunikation der Achtsamkeit

"Hoffnung ist nicht die Überzeugung, daß etwas gut ausgeht, sondern die Gewißheit, daß etwas Sinn macht, egal wie es ausgeht."    Vaclav Havel

 

Dr. Marshall B. Rosenberg (1933 - 2015)

 




                

Die "Gewaltfreie Kommunikation" (GFK)

Vorworte:

Mit dem Aufwachsen in unserer Kultur erlernen wir bestimmte Verhaltensweisen. Solches Lernen liegt in der Natur des Menschen und soll dem Überleben dienen: unsere Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft ist daher für uns von existentieller Bedeutung.                                     Weniger direkt sichtbar ist, dass unseren Verhaltensweisen zuvor bestimmte Sichtweisen, also Denkweisen bzw. Ideen zugrunde liegen. Welche dann eben je nach Kultur bestimmte o.g. Verhaltenscodici hervorbringen. Auch in unserem einverleibten, also konditionierten Sprachkodex und -vokabular spiegeln sich diese Ideen über z.B. "richtig" und "falsch" wieder. Insbesondere bei Konflikten richten wir unseren Fokus  z.B. oft auf das, was "mit dem anderen nicht stimmt" oder "was mit uns selbst nicht stimmt".
Oder: "Mir geht´s nicht gut ! --> Wer hat´s gemacht?"

Diese Art, Dinge, Situationen oder Menschen anzuschauen enthält Urteile und Bewertungen. Eine solche durchaus kulturabhängige, reflexartige Betrachtungsweise ist angelernt - nicht genetisch "vorprogrammiert". Mit dieser Denkweise  praktizieren wir also in weitem Maße kollektiv eine kulturell angelernte Angewohnheit. Dies hat, wenn Verhalten sich nicht über die Gewohnheit hinaus weiterentwickelt, Konsequenzen in unserem sozialen Miteinander, und zwar im kleinen wie im großen Zusammenhang.

Unsere konditionierte Art, zu denken und die Dinge zu betrachten, richtet den Fokus unserer Aufmerksamkeit sehr häufig auf das "unerwünschte" äußere Verhalten.
Dann wird genau dieses Verhalten bewertet oder beurteilt, W A S es ist: z.B. "gut oder böse", "falsch oder richtig", "erwünscht oder unerwünscht", etc., immer auf dem Hintergrund des in einer Gesellschaft jeweils gültigen Verhaltenskodexes. Und in dieser Art haben wir auch gelernt, es verbal auszudrücken. Somit basiert unsere Art, zu kommunizieren, zunächst durchaus auf dem gegebenen Kulturhintergrund.

Mit Verurteilungen oder Bewertungen jedoch entfernen wir uns im konkreten Konfliktfall oft meilenweit davon, wirklich zu bekommen, was wir brauchen: denn kaum jemand hat schließlich Lust darauf, sich sagen zu lassen, was an ihm nicht stimmt. Hier gibt es immer einen "Täter" und ein "Opfer". Jemand, der "falsch" und jemand der "richtig" liegt.


Marshall Rosenberg sah da grundsätzlich andere Möglichkeiten.

Durch die angewandte Gewaltfreie Kommunikation im Sinne des Begründers praktizieren wir ein tieferes Verständnis dafür, wie ein äußeres Verhalten zustande kommt. Hier richtet sich der Fokus unserer Aufmerksamkeit auf das, was hinter dem sichtbaren Verhalten steht: ein Mensch, der seine Bedürfnisse gerade nicht erfüllt oder bedroht sieht, und der lediglich keine bessere Strategie W E I S S , als sich auf diese Art  zu holen, was er braucht.

"Immer dann, wenn unsere Bedürfnisse nicht erfüllt sind oder in Gefahr, nicht erfüllt zu sein, neigen Menschen zu Gewalttätigkeit."    M.B. Rosenberg

Wichtig: Das Verständnis eines Verhaltens ist nicht gleichbedeutend mit dem Akzeptieren unakzeptablen Verhaltens. Es kann durchaus sein, dass neben dem Verständnis für einen Menschen Handlungsbedarf bzgl. seiner Handlungsweisen besteht. Das tiefe Verstehen aber ist die Grundvoraussetzung dafür, dass wir in die Lage kommen, trotz inakzeptablen Verhaltens einem Menschen auf gleicher Augenhöhe zu begegnen - unter Wahrung seiner menschlichen Würde.
Der genannte Fall erfordert Unterscheidungsvermögen auf hohem Niveau, welches nicht mit Philosophie und Kognition, jedoch mit konkretem Training an sich selbst und mit anderen durchaus Schritt um Schritt erworben werden kann.


Doch oft haben wir hohe Ideale zwar im Sinn, aber leider keine Ahnung, wie wir sie in unserem persönlichen Leben ganz konkret erfahrbar umsetzen sollen. Dann bleibt es dabei, daß sie in unserem Kopf erhalten bleiben wie ein erhobener Zeigefinger im Nacken, der uns mahnt, wie wir leben sollten. Eine Kluft, an der wir das Scheitern kennenlernen....

Um diese Kluft zu überbrücken, helfen allerdings keine Predigten über "Haltungsänderung" und Verhaltensänderung. - Prof.Dr. Gerald Hüther (Neurowissenschaftler) hat sogar gezeigt, wie die tatsächliche, durchaus neurophysiologische Grundlage zur Veränderung einer Haltung und auch des Verhaltens zustande kommt: durch das Tun nämlich, nicht durch Lesen oder Hören einer neuen Philosophie.

Hüther beschreibt: Erst durch neue, konkrete und persönliche Erfahrungen plastizieren sich neuronal neue Möglichkeiten des Verhaltens und damit erst neue Haltungen!!! Ein Mensch läßt sich aber nur dann auf vollkommen neue Erfahrungen ein, wenn ihn jemand dazu einlädt, dem er genügend vertraut, um das Wagnis einer gänzlich neuen Erfahrung zu machen!

Das bedeutet ganz faktisch, eine Veränderung unserer inneren Haltungen und Denkweisen findet auf der Grundlage einer vertrauensvollen, menschlichen Beziehung statt.

Wenn ein Mensch also in stressigen und konfliktbeladenen Situationen jenseits von eingefahrenen Verhaltensweisen neu handeln lernen möchte, dann braucht es einen "Bergführer", einen Guide, dem er persönlich vertraut. Zumindest für den nächsten, kleinen Schritt. Es braucht selbstverständlich die Vermittlung von Know-How, Unterweisung und Begleitung - aber auch persönlichen Mut - und Ermutigung. Und dann die Einladung, Schritt um Schritt, das Wagnis immer wieder neu zu versuchen und dabei die konkrete neue Erfahrung zu machen.

Unserer Erfahrung nach ist es dieses initiale, ausschließlich erfahrungsbasierte Momentum von  Getragen-Sein und "Containment" innerhalb einer Beziehung, in dem Menschen dann aus sich selbst heraus die tiefe Motivation zur Weiterentwicklung und Veränderung schöpfen.        

Und dabei Selbstwirksamkeit erfahren: "Ich kann tatsächlich etwas bewirken und verändern."